Hintergrund und Entstehung

Das Siegener Modell eines pluralen Masterstudiengangs

von Helge Peukert, Gustav Bergmann, Jonas Keppeler und Elsa Egerer

1.    Hintergrund und Entstehungsgeschichte des Masterprogramms

„Die ökonomische Welt ist in Bewegung, die ökonomische Ausbildung nicht. Wir wollen das ändern.“ So das Motto des neuen Siegener Masterstudiengangs „Plurale Ökonomik“. Er antwortet mit einem vielfältigen und innovativen Lehrkonzept auf die Kritik an Monotonie und Formalismus der wirtschaftswissenschaftlichen Standardlehre und weiß sich hierin eins mit der Initiative „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“ (Schneidewind et al. 2016).

Der Studiengang umfasst die traditionelle Gliederung in Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre, interpretiert die Fächer jedoch als Felder der Sozialwissenschaften und bietet daher die Vertiefungen „Politische Ökonomie“ und „Management und Mitweltgestaltung“ an. Er trägt damit der Einbettung der Wirtschaft in Gesellschaft und Ökologie Rechnung. Ohne dass jemand die Werbetrommel gerührt hätte, entschieden sich zum Studienstart im Wintersemester 25 Studierende für das plurale Experiment in Siegen. Im Folgenden berichten Lehrende über die Hintergründe und Erfahrungen mit der Pluralen Ökonomik in Siegen.

Die Initiative zum Masterstudiengang geht im Wesentlichen auf vier Professoren zurück, den Dekan der Fakultät, Volker Wulf (Wirtschaftsinformatik), Gustav Bergmann (Lehrstuhl für Innovations- und Kompetenzmanagement), Nils Goldschmidt (Professur für kontextuale Ökonomik und ökonomische Bildung) und Gerd Morgenthaler (Lehrstuhl für Öffentliches Recht). Die Idee wurde zunächst auf einem der diskursiven Skiseminare der Fakultät III der Universität Siegen entwickelt, die jedes Jahr Anfang Januar als Ausdruck alternativer Lehr- und Lebensformen stattfinden. In kürzester Zeit gelang es, an der Universität Siegen einen Studiengang mit Leben zu erfüllen, der in Deutschland bisher einzigartig ist.[1]Die Fakultät hat den Aufbau des Studiengangs als wichtiges strategisches Ziel definiert, auch um in diesem Bereich ein Alleinstellungsmerkmal zu erzielen.

Ausgangspunkt der Konzeption des Masterprogramms war die Siegener Bestandsaufnahme, dass es einen recht einseitigen Mainstream v. a. in der Lehre sowohl in der VWL, als auch in der BWL gebe, in dem die weltweite Finanzkrise seit 2008 nicht zu einem Weckruf und einer Mahnung und zu einem Überdenken der eigenen Theoriegrundlagen führte, die jedoch öfters von Seiten der Politik, der Öffentlichkeit und der Zivilgesellschaft gefordert wurden (Gärtner 2001; Gärtner et al. 2013; Madsen 2013). Auch die relativ selteneren innerwissenschaftlichen Aufrufe zur Selbstkritik verhallten weitgehend (z. B. jüngst Romer 2016).

Eine zentrale Motivation stellten die Aktivitäten des Netzwerkes Plurale Ökonomik mit mittlerweile über 30 pluralen Studierendeninitivativen im deutschsprachigen Raum dar[2], die z.B. alternative Ringvorlesungen organisieren und wesentlich die kritische Berliner Tagung „Teaching economics in the 21st century“ im November 2015 mitorganisierten und gestalteten.

Zudem ließ sich die Grundstimmung der Standardökonomie in Deutschland daran ablesen, dass der Verein für Socialpolitik sich gegenüber dem Pluralismus in der VWL für eine Rolle rückwärts entschied. Hatte der frühere Vereinsvorsitzende Michael Burda den Organisatoren der „Ergänzungsveranstaltungen“ zu den Vereinsjahresversammlungen, bei denen am Ort der Jahrestagungen in Göttingen und Münster kritische Ökonominnen und Ökonomen, die auf den offiziellen Vereinsveranstaltungen traditionell nicht zu Wort kommen, pro Jahrestagung eine selbstgestaltete Session zugesagt, so machte seine Nachfolgerin, Monika Schnitzer, dies wieder rückgängig.

Neben den Siegener Professoren konnte das neue Konzept zwei Akteure der heterodoxen Szene nach Siegen locken. Der eher zufällige Besuch Helge Peukerts der Siegener Tagung „Economics reconsidered: Towards new economic thinking“ Anfang September 2015 und ein Gespräch mit dem Dekan über die Notwendigkeit pluraler Perspektiven führte schließlich zu seinem vollständigen Wechsel nach Siegen zum Aufbau des Zweiges der Politischen Ökonomie. Helge Peukerts Meinung nach scheiterte das ursprüngliche interdisziplinäre Anliegen des staatswissenschaftlichen Studiengangs an der Universität Erfurt de facto, nicht zuletzt, weil man sich im wirtschaftswissenschaftlichen Zweig zunehmend auf die Standardökonomie beschränkt. Ähnliches erfuhr Niko Paech an der Universität Oldenburg, wo er mehrere Jahre eine Professur vertrat, dann aber als Lehrstuhlinhaber nicht mehr erwünscht war. Ab dem Sommersemester 2017 wird der Postwachstumsökonom ebenfalls nach Siegen wechseln und das plurale Team im Bereich Management und Mitweltgestaltung verstärken.

Die plurale Grundhaltung des Masterstudiengangs zeigt auch die Gruppe der Lehrenden. So ist beispielsweise Nils Goldschmidt u. a. Vorsitzender der „Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft“, Gustav Bergmann diskutiert gemeinschaftlich im Rahmen vom Siegener Projekt „Scoutopia“ neue Lösungsansätze für eine menschlichere Gesellschaft, Helge Peukert ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

 

2.    Das Pluralitätsbekenntnis des neuen Masterstudiengangs

Der wissenschaftstheoretische und normative Ausgangspunkt der Siegener pluralen Ökonomen ist nicht das Bekenntnis zu einer bestimmten Denkschule der Ökonomie, sondern die Einsicht, dass sich die komplexe heutige Ökonomie und Gesellschaft nur durch unterschiedliche Ansätze und Sichtweisen angemessen untersuchen lassen. Zwar hat jeder Beteiligte seine persönliche Favoritentheorie, geteilt wird jedoch die Grundüberzeugung, dass verschiedene Sichtweisen sich ergänzen müssen und uns nur das kontroverse Gespräch „der Wahrheit“ näherbringt.

Die Siegener Plurale Ökonomik kritisiert an der vorherrschenden ökonomischen Ausbildung, dass die Einbettung und Kontextualität von Wirtschaft ausgeblendet wird. Mit Boettkes Worten: „[Our] point is simply to suggest that the ´medium is the message´, so to speak. The language of modern economics, due to the demands for determinacy, crowds out questions of subjective assessment, institutional context, social embeddedness, knowledge (as opposed to information), judgment, entrepreneurship, creativity, process, and history“ (Boettke 1996, S. 27).

Im Unterschied zu vielen heterodoxen Bemühungen zwischen 1970 und 2000 geht die Plurale Ökonomik in Siegen jedoch ausdrücklich nicht davon aus, dass sich ein einheitliches, plural-heterodoxes „Superparadigma“, eine General Theory, entwickeln lässt, das die Erkenntnisse der bisherigen Ansätze und Denkschulen enthält und transzendiert (Garnett 2006). Die Siegener Sicht ist folglich nicht mit einem Kuhnschen monoparadigmatischen Ansatz vereinbar. Dies gilt auch für die Einstellung zur Standardökonomie. Hier argumentiert Becker: „[Economists] should be able to recognize that there are no „principles of economics“ in the sense of basic truths in economics. The principles that economists think they are teaching are in fact theories underpinning far too often with assumptions that are unlikely to be met with in actual circumstances and which when blindly applied give erroneous results“ (Becker 2007, S. 5). Ein herrschaftsfreier Diskurs (Habermas), ein Parlament der Argumente (Latour), ein pragmatisches, verwickeltes Ineinander von Normen, Empirie, Theorien, implizitem Wissen usw. (Dewey) charakterisiert die Sozialwissenschaften, zu denen auch die Wirtschaftswissenschaften trotz häufig geäußertem Objektivitätsbemühen gehören.

Der Respekt gegenüber anderen Denkschulen speist sich dabei auch aus der wissenschaftstheoretischen Erkenntnis, dass selbst der Poppersche Falsifikationismus, der bereits definitive Bestätigungen von Theorieaussagen in Frage stellt, noch zu optimistisch hinsichtlich der transparadigmatischen Formulierbarkeit von Basissätzen ist. Jede Denkschule beruht, mit Lakatos gesprochen, auf einem harten Kern von Aussagen und Überlegungen, die sich nicht oder kaum be- oder widerlegen lassen und um die herum ein jeweiliger Schutzgürtel aufgebaut wird. Dies ist nicht anders möglich, um in die unüberschaubare Mannigfaltigkeit von Fakten, Sinneseindrücken und denkbaren Zusammenhängen eine präanalytische Grundstruktur, nach Kuhn ein Paradigma, hineinzubringen. Paradigmen zeichnen sich dabei nach Harvey durch drei Elemente aus: 1. eine formale analytische Struktur mit (a) einer Weltsicht (ideologische und philosophische Linsen, durch die die Mitglieder die reale Welt betrachten), (b) Axiomen (nicht hinterfragte bzw. nicht hinterfragbare Annahmen, z.B. Voraussetzung rationaler Akteure oder Klassenkampf), (c) Methoden (wie die Realwirtschaft zu untersuchen ist, z.B. Ökonometrie oder Interviews) und (d) vorläufigen Erklärungen (Theorien und Modelle, z.B. Vollkommene Konkurrenz); 2. Vorschläge zur Anwendung ihrer Untersuchungen oder Politikvorschläge und 3. reputationsrelevante Verhaltensstandards, die von den Mitgliedern erwartet werden. Die Einsicht in eine solcherart tiefenkomplexe Grundstruktur aller (Sozial)Wissenschaften legt einen pluralen Ansatz nahe (Vgl. Harvey 2015; van Staveren 2015[3]).

Die verschiedenen Theorieansätze haben verschiedene basale Deutungen des Ökonomischen und stellen unterschiedliche Probleme in den Mittelpunkt. Foldvary stellt dies wie folgt dar: „The Great Problem for Austrian economics is government intervention; for geo-economics it is poverty and the taxation of labor instead of land rent; for the Virginia school it is rent seeking; for humanists, self-gratification; for Feminists, male domination; for postmodern thought, the pretention of absolute and universal truth; for Keynesians, market failure; for Marxists, capitalist exploitation; for the neoclassical school, suboptimality” (Foldvary 1996, S. 1). Eine dieser Denkschulen ist die wie immer im Einzelnen zu charakterisierende neoklassische Standardökonomie, die keinesfalls ausgegrenzt werden soll, wie Samuels betont: „Some heterodox economists would dismiss neoclassical economics out of hand as being irremediably flawed or entirely wrong and useless, ontologically, epistemologically and substantively. This is not the view [taken here]“ (Samuels 1996, S. XII).

Entsprechend werden im gemeinsamen Basismodul „Einführung in die Plurale Ökonomik“ des Masterstudiengangs folgende Denkschulen untersucht, ohne die Studierenden in Richtung einer bestimmten Sichtweise zu indoktrinieren: Die Historische Schule, die Sozioökonomie, der (Post)Keynesianismus, die Österreichische Schule, der Marxismus, der Ordoliberalismus, der kritische (Alt)Institutionalismus, die Neue Institutionenökonomie und der Feminismus (die ökologische Ökonomie wird im zweiten Modulteil über „Alternatives Wirtschaften und Nachhaltigkeit“ von Niko Paech behandelt).

Im gemeinsamen Basismodul „Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Ökonomik“ erlernen die Studierenden Grundkenntnisse zur kritischen Reflexion von Forschung und Lehre. Daneben bietet die Veranstaltung auch Handwerkszeug, um sich in der Vielfältigkeit verschiedener Perspektiven zurecht zu finden. So vergleichen die Studierenden verschiedene ontologische und epistemologische Pole und wenden diese auf Theorieschulen an. Beispielhaft kann hier auf Malcolm Rutherford (1996) verwiesen werden, welcher davon ausgeht, dass ökonomische Erkenntnis sich zwischen komplementären, aber ausschließenden Dichotomien präanalytisch zu entscheiden hat, z.B. zwischen 1. Formalismus vs. Anti-formalism, 2. Methodischem Individualismus vs. Holismus, 3. Rationalität (Homo oeconomicus) vs. Normativer Regelbefolgung, 4. Spontaner Evolution vs. Bewusster Gestaltung (Design) als grundlegendem Entwicklungsprinzip und 5. (Markt)Effizienz vs. Reform als wirtschaftspolitischer Grundsicht.

Neben den ontologischen Schwerpunkten wird im Modul auch die Bedeutung unterschiedlicher Methoden diskutiert, z.B. anhand des erweiterten und alternativen Katalogs von Marietta und Perlman, der Einordnung von Theorieschulen des Netzwerks Plurale Ökonomik und der Kriterien zur Unterscheidung von Denkschulen nach Heise (siehe Exploring Economics 2016, Marietta und Perlman 2000a, Heise 2015). Neben der Vermittlung der Theorie liegt den Lehrenden auch der Anwendungsbezug am Herzen. Dabei sollen die Studierenden befähigt werden, wirtschaftspolitische Fragestellungen aus verschiedenen ökonomischer Perspektiven zu bewerten und zu diskutieren. Der Studiengang folgt demnach der Devise, den Ausgangspunkt der ökonomischen Analyse in praktischen Problemen zu verorten.

Auch im Bereich der Methoden hat der Studiengang den Anspruch, Pluralismus zu lehren bzw. den Studierenden in eigenen Forschungsvorhaben die Anwendung heterodoxer Methoden zu ermöglichen. Neben dem Modul „Methoden der empirischen Sozialforschung“ können beispielsweise im Rahmen des Forschungsprojekts oder der Meisterklasse verschiedene Methoden entdeckt werden. Im Sommersemester 2017 bietet der Masterstudiengang ein offenes Blockseminar an, das auch externen Studierenden offensteht. Angeboten werden hier Workshops zu qualitativen Methoden der Sozialwissenschaften sowie zu Methoden, die in Strömungen wie der Komplexitätsökonomik oder dem Post-Keynesianismus Anwendung finden.

Ungeachtet aller institutionellen und personellen Heterogenität teilen alle an plural-heterodoxen Initiativen Beteiligte folgende Grundideen, die hier im Anschluss an Hendrik van den Berg zusammengefasst seien und als gemeinsames plural-heterodoxes Paradigma bezeichnet werden können:

1. Die Menschen leben gleichzeitig in wirtschaftlichen, sozialen und natürlichen Sphären; 2. Positive und normative Ökonomik lassen sich ungeachtet des Objektivitätsanspruchs nicht trennen; die wissenschaftliche Methode beinhaltet die Einsicht, dass Werte bei der Suche nach Objektivität nicht ausgeschlossen werden können; 3. Kultur beeinflusst das ökonomische Denken und Handeln; 4. Die Analyse der Wirtschaftstätigkeit erfordert einen interdisziplinären Ansatz; 5. Ökonomen und Ökonominnen müssen die Histologie des ökonomischen Denkens kennen; 6. Komplexität muss respektiert werden und darf nicht per Annahme ausgeschlossen werden; 7. Das menschliche Wohlergehen hängt nicht nur von materiellen Gütern und Dienstleistungen ab; 8. Die Quintessenz der Wirtschaftsanalyse ist nicht der Output oder das BIP pro Kopf; 9. Die menschliche Gesellschaft entwickelt sich ständig, sie ist nicht statisch; 10. Soziale und ökonomische Institutionen sind für die wirtschaftlichen Ergebnisse von grundlegender Bedeutung; 11. Feministische Perspektiven tragen wesentlich zum Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge bei; 12. Umweltauswirkungen der Wirtschaftstätigkeit müssen internalisiert und von Anfang an berücksichtigt werden; 13. Menschen sind sowohl Einzelpersonen als auch soziale Wesen; 14. Mathematik ist nützlich, aber in der ökonomischen Analyse nur gelegentlich unbedingt erforderlich; 15. Die selektive Verwendung von mehreren Modellen ist zu empfehlen, anstatt sich auf nur ein Paradigma zu verlassen; 16. Der Irrtum der Komposition (fallacy of composition) verwirrt das ökonomische Denken und kann zu wirtschaftspolitisch falschen Empfehlungen führen; 17. Weniger Staatseinfluss und Regulierung ist nicht allgemein besser als mehr Staatseinfluss und Regulierung; 18. Ökonomische Transaktionen finden nicht nur auf Märkten statt; 19. Die Wirtschaftspolitik muss die Einkommensverteilung als wesentliche, eigenständige Variable berücksichtigen (van den Berg 2014)[4].

Eine Gemeinsamkeit ist besonders hervorgehoben: die kritische Bewertung des ausschließlichen Setzens auf Modellierungen und ökonometrische Modelle. Die Lehrenden der Pluralen Ökonomik teilen Thorntons Eindruck: „Fifty years of experimenting […] with more sophisticated techniques have failed thus far to confirm the hypothesis that more complex tools could unlock greater understanding of the richness and complexity of reality […] complex systems are generally highly dependent on initial conditions. Small measurement errors, or the omission of very minor variables, can make an enormous difference. Given this, particular caution and modesty would be required about any implications such modelling offers for public policy“ (Thornton 2016, S. 27-28)[5]. Dies bedeutet nicht, dass Simulationen und Modellierungen nicht interessante und wertvolle Beiträge liefern können. Agent-Based-Modelling und andere Komplexitätsmodellierungen sollten jedoch in ihrer Prognosefähigkeit ebenfalls nicht überschätzt werden und vor allem nicht dazu führen, andere, qualitative Ansätze und Verfahren zu marginalisieren. Der von Mainstreamökonominnen und -ökonomen oft geäußerte Verdacht, eine Begrenzung der Formalausbildung der Studierenden führe zu Dilettantismus und der Zielkonflikt zwischen Breite und formaler Tiefe sei unlösbar, relativiert sich so erheblich.

 

3.    Die Vertiefung “Politische Ökonomie”

Im ersten Semester wird der Wissenshorizont der Studierenden durch wissenschaftstheoretische Reflexion, das Verständnis von formellen und informellen Institutionen sowie nicht zuletzt die Einführung in die Perspektiven ökonomischer Schulen erweitert, um ab dem zweiten Semester an die dominierenden Ansätze anzuknüpfen.[6]Der Studiengang hat dabei zum einen den Anspruch, der bestehenden Vielfalt von Ansätzen gerecht zu werden und des Weiteren die wesentlichen Inhalte der vorherrschenden Mainstreamökonomie zu vermitteln. Dieser Spagat stellt eine echte Herausforderung dar. In den Veranstaltungen „Internationale Politische Ökonomie“, „Finanzwissenschaft und Staat“ und „Spezielle Aspekte einer Pluralen Makroökonomik“ sowie dem „Forschungsprojekt“ sollen sowohl (neo)klassische, als auch darüberhinausgehende Ansätze zum Zuge kommen, also bspw. bei internationaler Ökonomie die unvermeidlichen komparativen Kostenvorteile, das Heckscher-Ohlin-Theorem usw., aber auch deren vorausgesetzte Annahmen und alternative Ansätze, z.B. der Politischen Ökonomie im Sinne von Jäger und Springler (2015) und eher politologische Ansätze (Wullweber et al. 2013).

Die plurale Ökonomik wurde in Siegen in Form eines Masterstudiengangs gestartet, da vorausgesetzt werden kann, dass den Studierenden im Bachelorstudium die Grundlagen der Standardökonomie vermittelt wurden und sie daher auch über die theoretischen Grundlagen verfügen, um beispielsweise die Grundlagen von DSGE-Modellen zu verstehen. Im Unterschied zum Ansatz der privaten Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues[7]werden in Siegen ökonomische Themen im engeren Sinne stärker gewichtet, Cusanus-Kurse wie die Studia humanitatis, Geistes- und Ideengeschichte und Sozialformen der Philosophie gibt es in Siegen nicht, obwohl über den engeren ökonomischen Kontext hinausgehende Bezüge natürlich auch neben den bereits angesprochenen Vorlesungen und Seminaren bei „Kontextuale Ökonomik“ und „Geschichte des ökonomischen Denkens“ eine Rolle spielen. Ähnlich wie die Cusanus Hochschule ist auch der Masterstudiengang Plurale Ökonomik an der Universität Siegen bemüht, alternative Formen des Lehrens und Lernens einzubeziehen. So wirkten die Teilnehmer/innen der Vorlesung „Einführung in die plurale Ökonomik“ bei einem Film zur gegenwärtigen Geldflut im Abendprogramm der ARD mit und machten eine Umfrage bei der Siegener Bevölkerung zur Geldschöpfung.[8]

 

4.    Die Vertiefung “Management und Mitweltgestaltung”[9]

Heute sind wir Zeugen einer „Revolution der Organisation, der Umstellung von Bürokratie und Fließband auf ein offenes Netzwerk von Informationen, Kommunikationen und Produktion“ (Baecker 2016, S.18). Doch die Kommunikation und somit die „Gestaltung ist kein rationaler und individueller Prozess, sondern immer abhängig von anderen und den situativen Bedingungen“ (Bergmann 2015, S.1). Nichts ist losgelöst vom anderen, sondern immer verschränkt und aufeinander bezogen (Barad 2015). Vielmehr gilt es nach Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns alle relevanten Akteure in den Dialog miteinzubeziehen (vgl. Habermas 1981). Jede Form von Intervention verändert das komplexe System, nur ist die Veränderung nicht voraussehbar. Die Welt wird zunehmend unüberschaubar, unbestimmt und unberechenbar, doch anstatt mit mehr Komplexität zu antworten wird häufig trivialisiert.

In der Vertiefung Management und Mitweltgestaltung beschäftigen sich Studierende mit der Organisationsentwicklung, also der Gestaltung von Organisationsstrukturen und -kulturen zur Schaffung von Kontexten für eine gelingende Entfaltung der Organisationsmitglieder und des gesamten Systems. Hierbei sind offene Innovationsansätze zentral. Darüber hinaus lernen Studierende, wie Führungskräfte Menschen zusammenzubringen, ihnen eine Aufgabe geben, mit der sie sich identifizieren können und für die sie bereit sind sich zu engagieren. Es geht also im Kern darum, gemeinsam mit den relevanten Akteuren Systeme zu schaffen, die im Einklang mit ihrer Mitwelt, Arbeiten nach dem menschlichen Maß ermöglichen und Probleme nachhaltig lösen (Bergmann, Daub 2012).

Die Vertiefung bietet mit „Plurale Managementlehre“ das Fundament für ein Verständnis davon, wie Menschen handeln und wie Wirklichkeit konstruiert wird. In einer relationalen Welt ist gestalten immer ein mitgestalten (vgl. Bergmann 2015: 6). Es werden mit Daniel Kahnemann Verzerrungen und typische Fehler in der Wahrnehmung betrachtet. Durch Gareth Morgan und seine „Bilder der Organisation“ lernen die Studierenden die mechanistische Sichtweise von Michael Porter auf Organisationen einzuschätzen, aber auch alternative Sichtweisen, die jeweils ganz andere Bilder liefern und Veränderung ermöglichen. Sie lernen den Solution Cycle (Bergmann 2014: 21ff.) kennen, ein zentrales Prozessmuster des Gelingens, das wesentliche Schritte eines Problemlösungsablaufs charakterisiert und somit tragfähige Lösungen wahrscheinlicher macht.

Die Vorlesung „Normatives Entscheiden und Ethik“ hingegen beschäftigt sich mit der Bedeutung von Organisation in Entscheidungsprozessen. Hier werden komplexe Entscheidungssituation in Situationen substanzieller Unsicherheit genauso wie Fragen der Gerechtigkeit (vgl. Rawls 1999, Sandel 2013) behandelt. Daneben werden Fragen zur Sinnhaftigkeit des Handelns, Fragen nach den Handlungsorientierungen (vgl. Skidelsky 2013) und die Beziehung von Kooperation, Wettbewerb und Flow aufgearbeitet. Durch diese Fragestellungen nähern sich die Studierenden einer eigenen ethischen Haltung und reflektieren betriebliches Handeln im globalen Maßstab.

Kommunikation und Dialog benötigen zur Vermittlung einen geeigneten Rahmen. Durch eine diskursive Lehre, eine starke Einbindung der Studierenden und eine Wertschätzung der unterschiedlichen Fähigkeiten und Kompetenzen gelingt es, miteinander zu lernen. Durch eine stärkere Methoden- und weniger Sachzentrierung, wird der Eigenbeitrag der Studierenden gestärkt, was im Sinne des „shift from teaching to learing“ (Barr & Tagg 1995) gefordert wurde. Das ausgesprochene Ziel ist es, mit den Studierenden gemeinsam an Lösungen zu arbeiten und sie kritisch zu diskutieren, also eine neue Mitgestaltungspraxis in den Veranstaltungen zu etablieren. Dabei steht der Lernprozess der Studierenden im Mittelpunkt. Es werden bewusst neue Formen genutzt, um den Studierenden vielfältige praxisnahe Lernmöglichkeiten zu geben. Hierbei werden Vorstellungen und Wünsche der Studierenden einbezogen, sodass eigene Impulse nicht verloren, sondern für die Sache genutzt werden können.

Durch Prüfungsformate wie z. B. Essay, Hausarbeit, Vortrag und Diskussion wird die Anwendung von Erlerntem unter praxisnäheren Bedingungen geprüft, als es Klausuren mit der Abfrage von trivialem Wissen können (vgl. Wild 2000:12; Entwistle 1990). Darüber hinaus gilt es, den Kontext für Lernprozesse zu variieren, um durch Emotionen und Labilisierungen neue Erkenntnisse und Fähigkeiten zu entwickeln (Erpenbeck & Sauter 2015: VII).

 

5.    Forschung und Diskurse zur Pluralen Ökonomik an der Universität Siegen

Es stellt sich die Frage, ob die pessimistische Beurteilung der Wissenschaftslandschaft, die Arne Heise als „Ende der Heterodoxie“ bezeichnet, nicht übertrieben ist. Als glücklicher Umstand erwies sich, dass dieses Thema auch das Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (FGW) interessierte, das dank des Wissenschaftsministeriums in Nordrhein-Westfalen eine Reihe von Forschungsaufträgen vergab. Der in Gründung befindliche Masterstudiengang wurde von der FGW mit einem zweijährigen Forschungsprojekt zur Frage betraut, welche Lehrbücher in Deutschland dominieren und ob sie eine einseitig-selektive Standardökonomie vermitteln. Das Projekt knüpft hiermit an die Studien von Beckenbach, Daskalakis, und Hofmann, sowie an den Sammelband zu den blinden Flecken der Lehrbuchökonomie von v. Treeck und Urban an (Beckenbach et al. 2016; van Treeck und Urban 2016). Im Rahmen des FWG-Projekts arbeitet die Universität Siegen auch mit der Cusanus Hochschule zusammen, indem eine Analyse der verschiedenen Auflagen des Lehrbuchs von Samuelson (und Nordhaus) von Silja Graupe und Walter Ötsch beigesteuert wird.

Das Forschungsprojekt zur Lehrbuchliteratur macht deutlich, dass der Studiengang Plurale Ökonomik sich keinesfalls auf die Lehre beschränkt, sondern in Siegen Lehre und Forschung betrieben wird und – dem Humboldtschen Bildungsideal entsprechend – die Überlegungen und Ergebnisse des Projekts auch in die Lehre einfließen. Beispielsweise sollen die Studierenden im Rahmen des im zweiten Semesters für Politische Ökonomie vorgesehenen Forschungsprojekts an der kritischen Analyse der Lehrbücher mit beteiligt werden und die Ergebnisse des Forscherteams (Egerer, Goldschmidt, Peukert) kritisch kommentieren. Außerdem sollen aus dem Forschungsprojekt konstruktive Vorschläge für eine Reform der Lehre in den Einführungslehrbüchern hervorgehen. Neben den deutschsprachigen Beiträgen (z. B.: Elsner et al. 2015; Heine und Herr 2003; Jäger und Springler 2015; Biesecker und Kesting 2003) zeigt eine intensivere Sichtung der angelsächsischen Lehrbuchliteratur, dass es bereits zahlreiche exzellente Lehrbücher gibt, die jedoch nicht nur in Deutschland völlig unbeachtet bleiben (z. B.: Goodwin et al. 2015; Goodwin et al. 2014; Dorman 2014a, 2014b). Viele dieser Lehrbücher enthalten die Inhalte der Standardökonomie, beschreiben deren Stärken, weisen aber gleichzeitig auch auf Annahmen und Grenzen hin und zeigen alternative Zugänge auf.

Eine Vorstudie von Christian Rebhan (Universität Erfurt) in Form einer Masterarbeit für die deutsche VWL-Lehrbuchlandschaft bestätigt die erstaunliche Monokultur in Deutschland. Fast ausschließlich werden die ziemlich ähnlich ausgerichteten, einfach neoklassisch angelegten Lehrbücher von Mankiw/Taylor, Varian, Blanchard/Illing und Pindyck/Rubinfeld eingesetzt, obwohl selbst die avancierte Standardökonomie weit über diesen engen Rahmen hinausgeht (Colander 2000), sachlogische sowie modelltheoretische Widersprüche übergangen werden und empirische Belege z.B. über Kostenkurvenverläufe fehlen (Hill und Myatt 2010; Keen 2011).

Zur Veränderung dieser Sachlage ist in Siegen auch ein Institut Plurale Ökonomik (IPÖ) in Gründung. Es soll wirtschaftliche Phänomene anhand einer Vielzahl unterschiedlicher methodologischer und paradigmatischer Ansätze jenseits der vorherrschenden Standardökonomie untersuchen. Das Institut bezieht die Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse und sozialer Systeme sowie organisationelle, unternehmensbezogene und mitweltgestaltende Perspektiven ein. Die Forschung basiert auf einer kritisch reflektierten Pluralität von Ansätzen und Inhalten. Das Institut bemüht sich hierbei auch um die Anschlussfähigkeit gegenüber angrenzenden Wissenschaften, insbesondere den Sozialwissenschaften, aber auch z.B. der Philosophie und der Anthropologie. Es setzt sich die Förderung pluraler, heterodoxer, praxeologischer und kulturökonomischer Forschung unter ganzheitlicher Betrachtung der in die Gesellschaft eingebetteten Wirtschaft ebenso zum Ziel wie innovative Beiträge zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Aufgaben des IPÖ sind insbesondere die Realisierung von Forschungsvorhaben, Workshops und Tagungen sowie ein Forschungstransfer aus den Forschungsaktivitäten des IPÖ in Lehre, Weiterbildung, wirtschaftliche Praxis und Zivilgesellschaft und schließlich die Entwicklung forschungsnaher Konzepte für innovative, interfakultativ ausgelegte Studiengänge im Arbeitsgebiet des Instituts und die Erarbeitung pluraler Curricula im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, einschließlich der Lehrerausbildung in der Fakultät III der Universität Siegen, da Nils Goldschmidt auch Direktor des Zentrums für Lehrerausbildung und Bildungsforschung ist. Das Leitbild der ökonomischen Ausbildung im Masterstudiengang und des IPÖ lässt sich so mit den Worten Aernis zusammenfassen: „If the goals of economics education include increasing students´ understanding of the world and enabling them to participate fully as citizens in a democratic society, then the economics classroom must invite all students to take part“ (Aerni et al. 1999, S. 28).

Eine der ersten Aktivitäten des IPÖ wird in der mit dem Arbeitskreis Politische Ökonomie gemeinsam durchgeführten Tagung „Alternativen ökonomischer Lehre und Forschung“ im November 2017 in Siegen sein. Im Call for Papers heisst es: „Im November 2015 fand der Kongress Teaching Economics in the 21st century in Berlin statt, der ursprünglich auf eine Initiative des Arbeitskreises Politische Ökonomie und der World Economic Association zurückging. Maßgeblich mitorganisiert  wurde  die Tagung  vom  Netzwerk Plurale Ökonomik. In der Zwischenzeit hat sich einiges getan: die private Cusanus-Hochschule hat erfolgreich einen zusätzlichen Bachelorstudiengang eingerichtet, an der Universität Siegen läuft seit dem Wintersemester 2017/18 der Masterstudiengang Plurale Ökonomik und ein Institut für Plurale Ökonomik ist in Gründung. Zudem erscheinen seit der Berliner Tagung weitere heterodox-plurale Lehrbücher (u.a. das von INET angeregte Core-Projekt), und die Forschungsstelle für gesamtwirtschaftliche Weiterentwicklung fördert neben einer eigenen Buchpublikation einige Forschungsprojekte, die sich zum Teil mit Fragen der heterodoxen Forschung und Lehre befassen. Neben der Gründung der „Gesellschaft für sozio*ökonomische Bildung und Wissenschaft (GSÖBW)“ sind schließlich die zahlreichen zwischenzeitlichen Aktivitäten und Diskussionen im Netzwerk Plurale Ökonomik hervorzuheben.

Die Konferenz dient dazu, den u.a. in Berlin entwickelten Diskussionszusammenhang weiter zu entwickeln. Die Vorstellung plural-heterodoxer Studiengänge, die Kritik an zentralen Konzepten der Standardökonomie, welche auf aktuelle, (inter)nationale wirtschaftspolitische Entwicklungen angewandt werden, und die Vorstellung deutschsprachiger, aber auch v.a. angelsächsischer Alternativlehrbücher sollen neben plural-heterodoxen Lehr- und Lernformen unter Einschluss avancierter alternativer Forschungsansätze, die den vorherrschenden Mainstream ergänzen sollten, im Vordergrund der Tagung stehen. Anregungen und Beiträge von studentischer Seite sind ausdrücklich erwünscht.

Des Weiteren wurde Mitte 2016 eine Juniorprofessur für plurale Ökonomik ausgeschrieben, die ab dem Wintersemester 2017/18 besetzt werden dürfte. Im Ausschreibungstext hieß es, „der neu einzurichtende Master „Plurale Ökonomik“ zielt auf Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die ihr eigenes ökonomisches Verständnis und die neoklassischen Modelle kritisch reflektieren wollen. Zentral untersucht werden sollen wirtschaftliche Phänomene mit einer Vielzahl interdisziplinärer Ansätze und alternative Denktraditionen im Diskurs. Neben vertieften Kenntnissen gesamtwirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge wird ein inhaltlicher Schwerpunkt im Bereich alternativer ökonomischer Ansätze und/oder Methodologie und Geschichte ökonomischen Denkens erwartet. Erwünscht sind zudem Kenntnisse bei der Vermittlung und Anwendung qualitativer und quantitativer Methoden der empirischen Sozialforschung.“

Zur Abrundung wurde die Stärkung des Nachwuchses und Mittelbaus durch die Etablierung eines Graduiertenkollegs vorgesehen, dessen Finanzierung im Februar 2017 durch den Fakultätsrat sichergestellt wurde. Das Kolleg steht in enger Verbindung zu einem geplanten Antrag zu einer Exzellenzinitiative. So verfolgt das Oberthema des Graduiertenkollegs „Supply Chains und wirtschaftliche Entwicklung – Plurale Perspektiven“ das Ziel „durch die Analyse von globalen Wertschöpfungsketten Prozesse wirtschaftlicher Entwicklung zu verstehen und vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krisen, das Potential einer pluralen Forschungsagenda in den Wirtschaftswissenschaften zu verdeutlichen.“

Das Kolleg soll einen Beitrag zur Lösung der Probleme unserer Zeit leisten: „Ein plural ausgerichtetes Forschungskolleg, welches die Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation in der Ökonomik anerkennt, verfolgt neben der empirischen Analyse notwendigerweise auch gestaltende Fragen der Wirtschaftspolitik. Im Gegensatz zu dem im wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream vorherrschenden positivistischen Verständnis, welches den Untersuchungsgegenstand normativ verengt, ist es Ziel des im Graduiertenkolleg verfolgten pluralen Ansatzes, normative Ausgangspunkte transparent zu machen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist auch auf methodischer Ebene ein pluraler Zugang erforderlich. Neben quantitativen Methoden stehen gleichberechtigt qualitative sozialwissenschaftliche Methoden. Eng verknüpft mit der Forderung der methodischen Vielfalt steht die der Interdisziplinarität.“

Grundsätzlich gilt, pluraler Ökonomik geht es nicht nur um eine abstrakte Vermittlung aller möglichen Ansätze und Denkschulen, sondern aus dieser kaleidisch-pluralen Sicht soll auch zum Wohl der Gesellschaft beigetragen werden, indem anstehende wirtschaftspolitische Entscheidungen ohne Scheuklappen analysiert werden.

Komplementiert werden Lehre und Forschung durch den Diskurs mit der Zivilgesellschaft und der „Gemeinschaft der Forschenden“. So wurde die Lehre bereits im Gründungsjahr durch eine Ringvorlesung ergänzt, welche mit Vortragenden wie Carl Christian von Weizsäcker, Reinhard Pfriem und Karl Georg Zinn die gelebte Perspektivenvielfalt der Siegener Pluralen Ökonomik spiegelt. Sicher werden auch konstruktive Impulse von der Initiative „Transformative Wirtschaftswissenschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung“ auf das Siegener plurale Projekt ausgehen, das bemüht ist, einer jungen Generation transformativer Nachwuchswissenschaftler den Weg zu ebnen.

 

Literatur

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Beckenbach, Frank; Daskalakis, Maria; Hofmann, David (2016): Zur Pluralität der volkswirtschaftlichen Lehre in Deutschland. Eine empirische Untersuchung des Lehrangebotes in den Grundlagenfächern und der Einstellung der Lehrenden. Marburg: Metropolis-Verlag.

Becker, William E. (2007): Quit Lying and Address the Controversies. There are No Dogmata, Laws, Rules or Standards in the Science of Economics. In: The American Economist 51 (1), S. 3–14.

Biesecker, Adelheid; Kesting, Stefan (2003): Mikroökonomik. Eine Einführung aus sozial-ökologischer Perspektive. München: Oldenbourg.

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Boettke, Peter (1996): „What is wrong with neoclassical economics (and what is still wrong with Austrian economics)?“, in: F.E. Foldvary (ed.): Beyond neoclassical economics, Cheltenham: Edward Elgar. S. 22-40.

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Sandel, Michael (2013): Gerechtigkeit – Wie wir das Richtige tun. Berlin: Ullstein.

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Wild, Klaus-Peter (2000): Lernstrategien im Studium. Strukturen und Bedingungen. Münster u.a.: Waxmann.

 

 

[1]Der Studiengang ist in der Fakultät III angesiedelt (Wirtschaftswissenschaften, Wirtschaftsrecht und Wirtschaftsinformatik).

Das niveauvoll verfasste Modulhandbuch, die Prüfungsordnung usw. konnte dank des Engagements der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Nils Goldschmidt, hervorzuheben ist hier Yvette Keipke, trotz großem Zeitdruck pünktlich fertiggestellt werden.

[2]www.plurale-oekonomik.de

[3]Das empfehlenswerte Lehrbuch von van Staveren lässt an Sachfragen orientiert mehrere Denkschulen zur Sprache kommen und exemplifiziert die Theoriedimensionen Harveys.

[4]Siehe Näheres zu den Gemeinsamkeiten in van den Berg 2014, ein vorzügliches Lehrbuch für eine plurale Internationale Politische Ökonomie.

[5]Siehe Kapitel zwei zur Vertiefung der Modellierungsfrage.

[6]Siehe zum hier nicht in allen Details darzulegenden Studienaufbau www.master-plurale-oekonomik.de.

[7]Siehe https://www.cusanus-hochschule.de/

[8]https://www.youtube.com/watch?v=H-6Rtu-oU84

[9]Autoren des Unterkapitels sind Gustav Bergmann und Jonas Keppeler.